Spiegel Special 2006-8 - Jung im Kopf.pdf

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H AU S M I T TE I LU N G
ie Deutschen werden älter und
weniger. Es ist vor allem der Be-
völkerungswissenschaftler Her-
wig Birg, der deshalb die Zukunft in
düsteren Farben malt; selbst namhafte
Kritiker, die in der Veränderung der Al-
tersstruktur und im Einwohnerschwund
auch Chancen sehen, kanzelt er als „Ge-
legenheitsdemografen“ ab. Bei einer Ta-
Vaupel, Pötzl
gung der Akademie für Politische Bil-
dung im bayerischen Tutzing geriet SPIEGEL-Redakteur Norbert F. Pötzl, 58, mit
Birg darüber in einen Disput, der mit der Frage endete, ob Birg zu einem Streit-
gespräch mit dem Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straub-
haar, bereit sei – beide sagten zu (Seite 22). Pötzl unterhielt sich auch mit weiteren
Experten, unter anderen mit dem Amerikaner James W. Vaupel, 61, Direktor des
Rostocker Max-Planck-Instituts für demografische Forschung. Sie überzeugten
Pötzl, dass „man mit den Folgen des demografischen Wandels gut leben kann, wenn
man sich rechtzeitig darauf einstellt, nämlich jetzt“ (Seiten 6, 62, 110).
uwanderung ist eine Mög-
lichkeit, die rückläufige Zahl
deutscher Erwerbstätiger zu
kompensieren. Aber auch Migran-
ten werden alt und oft pflegebe-
dürftig – und weder sie selbst noch
das deutsche Altenpflegesystem
sind darauf eingerichtet. Der ehe-
malige Werftarbeiter Recep Seplin,
72, erzählte SPIEGEL-Redakteurin
Cordula Meyer, 35, in einem Bre-
Meyer, Seplin
mer Wohnprojekt von seiner Zeit
als Offizier der türkischen Armee,
dem Stolz auf seine Kinder und dass seine Mitgliedschaft in der IG Metall länger
gedauert habe als seine Ehe. Vielen Einwanderern ist Deutschland, obwohl sie oft
jahrzehntelang hier lebten, fremd geblieben; gleichzeitig lösen sich auch unter Tür-
ken die Großfamilien auf. Meyer traf solche Menschen in den wenigen Altenhei-
men und Wohnprojekten für alte Migranten und erkannte: „Für ihren Lebensabend
wünschen sie sich ein Stück Heimat – Türkisch sprechende Nachbarn und Pfleger,
türkisches Essen und türkisches Satellitenfernsehen“ (Seite 54).
ie Menschen leben länger, und sie haben weniger Nachwuchs. Während heu-
te noch die meisten Pflegebedürftigen von Angehörigen versorgt werden,
werden künftig immer mehr auf die Dienste Fremder angewiesen sein. Ex-
perten empfehlen den Aufbau effizienter Netzwerke aus professionellen Alten-
pflegern, geringfügig entlohnten Helfern und ehrenamtlich engagierten Mitbürgern.
SPIEGEL-Redakteurin Annette
Bruhns, 39, besuchte drei solcher
Einrichtungen. Im brandenburgi-
schen Birkenwerder traf sie die an
Alzheimer erkrankte ehemalige
Lehrerin Hilde Binder, 87. Ausge-
lassen tanzte Binder mit Bruhns
durch die Stube. „Sie kommen
doch bald wieder?“, fragte die alte
Dame am Schluss, und zögernd sag-
te die Journalistin: „Natürlich“,
denn sie wusste ja, dass Binder sie
vergessen hat, sobald sie zur Tür
hinaus ist (Seite 46).
Binder, Bruhns
Z
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MANFRED WITT / VISUM
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3
SABINE SAUER / DER SPIEGEL
MANFRED WITT / VISUM
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6
MEHR KINDER BRAUCHT DAS LAND
Die niedrige Geburtenrate führt dazu, dass – in Zeiten der Arbeitslosigkeit noch
schwer vorstellbar – bald Arbeitskräfte fehlen. Migranten, ältere Arbeitnehmer
und mehr erwerbstätige Frauen könnten das Defizit mildern.
Inhalt
CHANCE DURCH WANDEL
6
22
DEMOGRAFIE:
Schluss mit dem Methusalem-Spuk und
52
INTERVIEW:
Die Gerontologin Ingrid Zundel, 76,
über ihre späte Promotion, Zeittauschbörsen und
alternative Wohnformen
MIGRANTEN:
Seniorenheime für Muslime
ZEITGESCHICHTE:
Die Bevölkerungswissenschaft und
den Katastrophenszenarien
STREITGESPRÄCH:
Der Demograf Herwig Birg
54
56
59
60
und der Volkswirt Thomas Straubhaar
über die alternde Gesellschaft
28
32
36
39
42
46
4
die Nazi-Ideologie
AFRIKA:
Höchster Zuwachs im Armenhaus der Erde
CHINA:
Das Reich der Mitte vergreist rapide
HANDEL:
Produzenten und Werbung haben
kaufkräftige Senioren im Visier
KULTUR:
Künstler zwischen Untergangsvisionen und
der Hoffnung auf die „Silver Generation“
FILM:
Hollywood entdeckt die Alten – und die kriselnde
ZEIT ZUM LEBEN
62
72
76
FAMILIENPOLITIK:
Kind oder Karriere – das muss nicht
die Alternative sein
FINNLAND:
Warum die Nordeuropäer mehr Kinder
Kinobranche ein neues Publikum
LITERATUR:
Neue Bücher über den Herbst des Lebens
MEDIZIN:
Die Geriatrie hilft Hochbetagten nach
Operationen und schweren Krankheiten
PFLEGE:
Netzwerke von ehrenamtlichen Helfern
bekommen als die Deutschen
FRANKREICH:
Warum Mütter ohne schlechtes Gewissen
ergänzen professionelle Dienstleister
S P I E G E L S P E C I A L 8 /2 0 0 6
berufstätig sein können
CORBIS
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MANFRED WITT / VISUM
SABINE SAUER / DER SPIEGEL
62
ALTER HAT ZUKUNFT
Die höhere Lebenserwartung macht es möglich, alle
Lebensphasen entspannt zu gestalten. Bremens
Ex-Bürgermeister Henning Scherf erlebt seinen „Honey-
moon“ als Pensionär, Senioren lernen lebenslang.
110
ZURÜCK ZUR NATUR
Aus wirtschaftlich schwachen Gegenden ziehen die
Bewohner in Scharen fort. Die fast menschenleeren
Landschaften bieten Anreize, Neues auszuprobieren
– beispielsweise Naturparks, die Touristen anziehen.
78
80
84
90
94
96
98
101
FERNSEHEN:
Auf dem Bildschirm sind Kinder noch
seltener als im wirklichen Leben
SPÄTE ELTERN:
Ein Plädoyer gegen Vorurteile der
RAUM FÜR MENSCHEN
110
118
BEVÖLKERUNGSSCHWUND:
Wildnis statt nutzloser
Gesellschaft
UNTERNEHMEN:
Jugendwahn und Altersdiskriminierung
PROFESSOREN:
Zwangsemeritierte Wissenschaftler
wandern in die USA ab
BILDUNG:
Die erste Hochschule nur für ältere Semester
MANAGER:
Hochqualifizierte Ruheständler geben ihr
Wirtschaftsförderung
STÄDTE:
Bielefeld hat die einzige kommunale
Demografie-Beauftragte
120
LANDKREISE:
Warum in Cloppenburg die meisten
Kinder geboren werden
122
METROPOLEN:
Landflucht in die prosperierenden
Fachwissen an Jüngere weiter
LEBENSART:
Senioren-Wohngemeinschaften und
Ballungsräume
124
BUNDESLÄNDER:
Finanznot wird den Druck zur
Mehrgenerationen-Häuser
POLITIKER:
Die Rastlosigkeit des ehemaligen Bremer
Neugliederung erhöhen
126
ESSAY:
Der Architekturkritiker Wolfgang Kil
Bürgermeisters Henning Scherf
102
BUCH:
Auszüge aus Hennings Scherfs „Grau ist bunt“
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GENERATIONEN:
Wie eine 66-jährige Frau ihre
über Experimente in verlassenen Regionen
3
HAUSMITTEILUNG
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BÜCHER ZUM THEMA
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IMPRESSUM
TITELBILD:
ILLUSTRATION CHRIS PAYNE FÜR SPIEGEL SPECIAL
8 /2 0 0 6 S P I E G E L S P E C I A L
5
demenzkranke Mutter umsorgt
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TECHNIK:
Roboter für den Lebensabend
C. WERMTER / BLICKWINKEL
WA N DE L
HANDELN STATT JAMMERN
Der demografische Wandel wurde bislang meist als unabwendbare
Katastrophe beschrieben: zu wenig Kinder, zu viele Alte –
das Ende des Wirtschaftswachstums, der Kollaps der Sozialsysteme.
Nun erkennen viele Experten in der
Bevölkerungsentwicklung zunehmend auch Chancen.
Neugeborenes in Säuglingsstation (im Klinikum Krefeld)
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